Startseite

Akademiker

Publizisten

Autoren

Führungskräfte

Freie-Software-Visionäre

Diverse

Digitale Bohème

Digitale Bohème

Entstehungsgeschichte des Begriffes von der „digitalen Bohème“

Der Begriff „digitale Bohème“ wurde das erste Mal von Julian Dibell in einem Aufsatz auf „The Well“ benutzt, um dann später von dem Künstlerduo „Station Rose“ wieder aufgegriffen zu werden. „Station Rose“ gehörten zu den ersten Künstlern, welche die neuen Massenkommunikationsmedien in ihre Präsentationen miteinbezogen, um diese multimedial auszugestalten.

In einem auf „The Well“ gegebenen Interview definieren „Station Rose“ die einzelnen Teile des Begriffes „digital bohèmian lifestyle“ und einige damit zusammenhängende Schlagwörter. Allerdings gilt es hier zu beachten, dass zwei Künstler diese Definitionen liefern. Wenn wir uns im folgenden noch mit Sascha Lobo und Holm Friebe beschäftigen, wird deutlich werden, dass diese beiden sich mit dem Begriff auf eine etwas differenziertere Art und Weise auseinandersetzen. Doch zurück zu „Station Rose“

Digital muss in den Augen der beiden natürlich zu allererst als Gegenteil von analog verstanden werden, was damit einhergeht, dass es sich bei den Kunstprodukten nicht mehr um feste, unveränderliche Gegenstände handelt, sondern um fließendes, immer wieder neu formbares Material. Mittels der neuen medialen Möglichkeiten findet also eine Transformation der Kunst statt. Das wichtigste neue Medium stellt dabei ohne Frage das Internet dar, weshalb dessen Nutzung in den Definitionen von „Station Rose“ auch einen außergewöhnlichen Stellenwert einnimmt. Während Künstler der Bohème früher isoliert von der Außenwelt in ihrem „Elfenbeimturm“ gewerkelt haben, sei es nun möglich Kunst „in einen sozialen Kontext zurückzuführen“ (F.E. Rakushan, Wiener Theoretiker). Station Rose vergleichen dieses Phänomen gar mit alten schamanistischen Traditionen, in welchen der Medizinmann seine Visionen der Gruppe darbrachte.

Das nächste Wort im zu erklärenden Begriff, die „Bohème“, ist ursprünglich eine Gruppe von Künstlern, welche außerhalb der bourgoisen Gesellschaft gelebt und gewirkt hat (z.B. im Paris des 19.Jh., in Vierteln wie Montmartre oder dem Quartier Latin). Heutzutage muss der Begriff jedoch etwas abweichend gebraucht werden, da es keine klassische Bourgoisie mehr gibt. Vielmehr versuchen sich die Künstler von der Massengesellschaft, ihren Phänomenen und Symboliken abzugrenzen. Explizit wird von Station Rose dabei hervorgehoben, dass es sich nicht um eine Undergroundbewegung wie beim Punk handelt, sondern man sich als elitäres, individualistisches Netzwerk versteht. Aus diesen kleinen, bohèmen Gruppen in der wirklichen Welt wird durch die Vernetzungsmöglichkeiten des Internet am Ende ein globaler Kreis.

Treffpunkt der klassischen Bohème waren immer sogenannte Salons, welche auch im Sprachgebrauch von „Station Rose“ eine aktualitätsbezogene Würdigung erfahren dürfen. Das typische an diesen Salons war nämlich eine Vermischung unterschiedlicher Milieus, die unter normalen Umständen kaum zueinander gefunden hätten. So trafen sich hier Menschen aus Politik, Kultur, Kunst und Bildung. Dies kann man bis in die heutige Zeit auch bei digitalen Bohèmians beobachten, die ursprünglichen, gemütlich ausgestalteten Trink- und Rauchsalons sind oft lediglich einem virtuellen Gegenpart gewichen.

Der letzte Teil des zu untersuchenden Begriffes wäre nun also der Lifestyle. Dieser setzt sich laut „Station Rose“ aus Hi-Tech gepaart mit einer gewissen Bodenständigkeit zusammen, wobei aus diesem Lebensstil entstehende Produkte immer eine gewisse Opulenz aufzuweisen hätten. Der „Lifestyle“ ist dabei etwas allumfassendes, der sich die Erwerbsarbeit selbst unterordnet (hier findet sich die engste Parallele zu Friebe und Lobo). Man ist Vollzeitbohèmian ohne dabei in die klassische, gestrenge Arbeitswelt eingebunden zu sein. Selbstbestimmung und Individualtität sind in diesem Zusammenhang gerne verwendete Schlagwörter. Man fühlt sich einem chaotischen Lebensstil verantwortlich, der von althergebrachtem Großsystemdenken abrückt und sich mittles „Sampling“ oder „Patchworking“ lediglich althergebrachter Lebensformen bedient, um diese zu einem, der jeweiligen Situation möglichst angemessenen, Flickenteppich zu verarbeiten. Kreativität wird also zur einzigen Grundbedingung dafür, sein Leben als digitaler Bohèmian zu gestalten.

„Station Rose“ sprechen diesem Lebensstil sogar ein besonders ausgereiftes ökologisches Bewusstsein zu, da alles was möglich ist via Computer erledigt wird und so unnötiger Müll oder lange Transportwege vermieden werden können.

Die Künstler werden bei der Beschreibung des „digital bohèmian lifestyle“ nicht müde zu betonen, dass das Internet lediglich als Ergänzung zur sozialen Kommunikation betrachtet werden müsse, nicht als deren Ersatz.

So also die erste umfassende Defintion des Begriffes „digital bohème“ aus dem Jahre 1993 von einem Künstlerduo. Bleibt die Frage, was der Begriff heute bedeutet. Welche Veränderungen haben sich ergeben, hat sich die Erklärungstragweite des Begriffes erweitert und müssen dem Begriff selber neue Attribute zugeordnet werden? Diese Fragen haben sich die bereits erwähnten Sascha Lobo und Holm Friebe ebenfalls gestellt. Auf sie wird also im folgenden einzugehen sein. Doch so positiv die Bewertung der beiden auch ausfällt, soll nicht vergessen werden, dass nicht jeder, der sich der digitalen Bohème zugehörig fühlt, auch mit seiner Rolle zufrieden gibt. Eine Gegendarstellung zum beinahe utopistischen Modell der beiden Berliner Bohèmians soll deshalb ebenfalls nicht fehlen.

 

Definition der digitalen Bohème nach Holm Friebe und Sascha Lobo

Die beiden Autoren beschreiben in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ einen neuen Lebensstil in einer, wie sie es befinden, sich in Auflösung begriffenen Welt. Sie untersuchen kreative, hochausgebildete Arbeitskräfte, die ihren Lebensunterhalt jenseits der Festanstellung verdienen, in dem sie mittels Laptop aus Cafés oder der eigenen Wohnung heraus agieren, um sich an verschiedenen Projekten zu beteiligen, die künstlerischer Unterstützung bedürfen. Besonderes Merkmal dieser digitalen Boheme ist es, dass sich die Arbeit und das sonstige Leben eng miteinander verknüpfen, soziale Kontakte auch gleichzeitig Arbeitskontakte sind und eine feste Zeiteinteilung, eine klassische Arbeitswoche, der Vergangenheit angehört.

Ursprünglich aus der Not der Unterbeschäftigung kreativ und künstlerisch tätiger Akademiker geboren, hat sich das beschriebene Lebensprinzip, für die Autoren mittlerweile zu einer allen anderen Lebensentwürfen vorzuziehenden Existenzform entwickelt. Sie betonen dabei die Freiheit, welche ein normaler Beruf nicht zu geben in der Lage ist, sowie den hohen Grad an Selbstverwirklichung, der erreicht werden kann. Der Großsystemkapitalismus tritt in den Hintergrund, während kleine soziale Netzwerke enorm gefördert würden.

Lobo und Friebe gehen davon aus, dass eine neue Bürgerlichkeit versucht hat sich auf die drei Säulen Nation, Familie und Arbeit zu stützen. Diese Phänomene seien jedoch alle in ihrer Auflösung begriffen, so dass ein neues Bürgertum quasi schon bei seinem Enstehen anachron gewesen sein muss. Begriffen wurde dies von den meisten zwar bereits auf den Gebieten Nation und Familie, mit deren traditionellen Organisationsformen sich heutzutage nicht mehr allzuviele zu identifizieren wüssten. Lediglich bei der Arbeit allerdings besteht in den Augen der Autoren enormer Nachholbedarf. Somit entstand die Idee, auf eine neue Form der Arbeit aufmerksam zu machen, den Menschen eine Ausweichmöglichkeit zur Normalbiographie eines Arbeiters an die Hand zu geben.

Zu diesen umfassenden Veränderung haben laut Lobo und Friebe vor allem der steigende Wert von Konsum und Freizeit geführt. Diese beiden Faktoren haben zum Phänomen zunehmender Individualisierung geführt, ohne dabei dem Kollektiv zwangsläufig entgegenstehen zu müssen. Hinzu kommt jetzt noch, nicht nur konsumieren zu können was man möchte, sondern auch seine Arbeit dergestalt auszuformulieren, wie es dem Individuum beliebt.

Die beiden Autoren betonen in ihrem Werk, dass man die digitale Bohème keineswegs als Klasse oder Schicht betrachten dürfe, da diese Begriffe entweder einen Kampf oder wenigstens eine bestehende Hierachie implizieren würden, wohingegen sich die digitale Bohème keine Gedanken um Aufstiegsmöglichkeiten oder ähnliches mache. Lediglich die Möglichkeit seine eigenen Ideen ohne Störung von außen verwirklichen zu können, ohne anderen dabei Grenzen aufzuerlegen, seien Motive sich für diesen neuen Lebenstil zu entscheiden.

Der Weg soll also weg vom sogenannten „Personalchef im Kopf“, hin zur Selbstbestimmung gehen, wobei die Autoren jedoch hier auch mit einiger Kritik leben müssen, die vor allem an den Ansatz „Von der Fremmdausbeutung zur Selbstausbeutung“ anknüpft. Eine mögliche Variante dieser Kritik soll im folgenden noch vorgestellt werden, um nicht lediglich ein einseitiges und weichgezeichnetes Bild dieser neuen, digitalen Bohème geben zu müssen.

 

Kritik an der Verherrlichung des Prinzips der „Digitalen Bohème“

In dem Onlinemagazin „Zitty“ setzt sich die Schrifstellerin und selbst digitaler Bohèmian Merceds Bunz kritisch mit dem von Sascha Lobo und Hom Friebe so hochgelobten alternativen Lebenskonzept auseinander.

Sie bezeichnet ihr eigenes Milieu dabei als „urbane Penner“, denen man zwar nachsagt in dem Luxus leben zu können, keiner Festanstellung nachgehen zu müssen, dabei allerdings oftmals nicht beachtet, dass einfach keinerlei Alternative vorhanden ist. Somit wäre das Buch von Friebe und Lobo nichts anderes als Schönrednerei in der Ausweglosigkeit.

Chronischer Mangel besteht dabei für deie Bohèmians vor allen Dingen in Geldbelangen, da man chronisch unterbezahlt wird und laut Bunz durchschnittlich nicht mehr als 1000€ im Monat herausspringen würden. Für meist hochqualifizierte Akademiker kein angemessener Lohn.

Diese Dilemma entsteht nach Aussage der Autorin eben durch das Zuströmen von mehr und mehr Menschen, die in der Selbstständigkeit ihre Zukunft suchen. Denn, wenn lediglich kreatives Potential in die Stadt strömt, jeder sich selbstständig macht, wo bleibt dann der Konsument, welcher zur Überlebenssicherung dringend benötigt wird? Er ist schlichtweg nicht vorhanden, so dass sich keine großen Sprünger mit der neuen, selbstgegründeten Existenz machen lassen.

Es ensteht in der Folge ein hochkreatives Prekariat, welches allerdings aucvh nicht bereit ist, etwas an seinem Zustand zu ändern. Besonders gilt dies für Berlin, da dort die niedrigen Mieten und Lebenshaltungskosten dazu führen, dass man es sich in der eigenen Ausweglosigkeit auch noch bequem machen kann.

Man könnte dabei fast von der Entstehung eines Teufelskreises reden, der sich auch noch mit der Notwendigkeit zur Selbstausbeutung paart, um die eigene Existenz sichern zu können und vor einem Abrutschen in die Vergessenheit zu bewahren.

Auf welcher Seite man auch stehen mag, wenn es um die Betrachtung der digitalen Bohème gehen mag, ein interessantes, neuartiges Phänomen stellt dieser Lebensentwurf ohne frage da. Offen bleibt nur, inwieweit dieser gesellschaftliche Relevanz erlangen kann, wenn sich mehr und mehr in diese Möglichkeit flüchten, bzw. in sie hineingedrängt werden.